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Das Fundament für die mittelalterliche Judenfeindlichkeit wurde bereits im Jahre 391 gelegt, als das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhoben wurde. Zu dieser Zeit hatte sich die christliche Religion aufgrund ihres stark missionarischen Charakters bereits im gesamten Imperium verbreitet. Von ihren jüdischen Ursprüngen hatte sie sich zu dieser Zeit längst deutlich distanziert. Als Folge davon brachte das Christentum in seinem universalen Anspruch der jüdischen Religion Ablehnung entgegen, was bereits im Römischen Reich der Spätantike zu Übergriffen führte. Auch politisch hatte die negative Einstellung des Christentums gegenüber den Juden Auswirkungen, was sich an mehreren antijüdischen Gesetzen spätrömischer Kaiser zeigt. So verbot Kaiser Theodosius II im Jahre 438 den Bau von Synagogen. Auch die katholischen Konzilien des 4. bis 7. Jahrhunderts offenbarten eine eindeutig antijüdische Haltung.
Nach dem Ende des Weströmischen Reiches in Folge der Völkerwanderung verwendete die katholische Kirche viel Energie darauf, die germanischen Völker zu christianisieren. Hervorzuheben ist die Annahme des katholischen Glaubens durch den Frankenkönig Chlodwig I Ende des 5. Jahrhunderts, da sich das Frankenreich zur wichtigsten westeuropäischen Macht entwickeln sollte. Mit dem Christentum verbreitete sich im frühen Mittelalter auch der sakrale Alleinanspruch des katholischen Glaubens, und somit das Misstrauen gegenüber den Juden. Durch Kenntnis der Bibel verbreitete sich die Ansicht, die Juden hielten sich für auserwählt und seien zudem die Mörder Christi. Bereits im 8. Jahrhundert war der größte Teil Westeuropas christianisiert, und es verbreitete und festigte sich eine starke Volksfrömmigkeit, die sich meist mit vorchristlichen Ansichten mischte. Auch das sich allmählich entwickelnde Lehnswesen wurde von christlichen Vorstellungen beeinflusst, so dass Nichtchristen keine Lehnsmänner werden durften. Im frühen Mittelalter kam es noch sehr selten zu Übergriffen auf Juden, doch verfassten bereits zu dieser Zeit diverse Geistliche antijüdische Schriften. Eine Ausnahme bildete das von westgotischen Königen beherrschte Spanien, wo Anfang des 7. Jahrhunderts Zwangstaufen für Juden angeordnet wurden. Noch im selben Jahrhundert kam es dort zu schweren Übergriffen auf die jüdische Minderheit, so dass die Eroberung Spaniens durch die Moslems im Jahre 713 von den Juden gradezu als Befreiung betrachtet wurde. Die Juden mussten zwar eine Sondersteuer zahlen, es wurde ihnen aber die Religionsfreiheit gewährt.
Nach der Niederschlagung des jüdischen Aufstands im Jahre 70 n.Chr. kamen viele Juden als römische Sklaven und auch als Fernhändler in fast alle Teile des Römischen Reiches. Die erste jüdische Gemeinde auf später deutschem Boden lässt sich ab dem Jahr 321 nachweisen. Lange Zeit unterschieden sich die Juden kaum von ihren christlichen Mitmenschen, doch insbesondere seit dem Hochmittelalter sollte sich dies drastisch ändern. Ungefähr seit dem 9. Jahrhundert war es den Juden untersagt, über Grundbesitz zu verfügen, weshalb sie sich in Städten niederlassen mussten. Grundbesitz war in den mittelalterlichen Agrarstaaten Europas die wichtigste Vorraussetzung für politische Teilhabe, von der die Juden somit ausgeschlossen waren. Dem Geburtsadel konnten sie ohnehin nicht angehören, und auch der Dienstadel - aus dem sich später das Rittertum entwickelte - war ihnen nicht zugänglich. Bereits Ludwig der Fromme stellte die Juden unter seinen Schutz, doch wurde es schnell üblich das sich die Juden diesen Schutz erkaufen mussten, zum Beispiel durch eine Sondersteuer oder so genannte Judenbriefe. Die im Hochmittelalter entstandenen Zünfte gingen recht schnell dazu über, Juden die Mitgliedschaft zu verweigern. Da die meisten städtischen Berufe zunftgebunden waren, sahen sich viele Juden dazu gezwungen ihre Existenz mit dem Geldverleih zu bestreiten, der von den Christen geächtet wurde.
Im späten 11. Jahrhundert hatte sich der christliche Glaube in ganz West- und Mitteleuropa stark gefestigt und durchdrang alle Bereiche des Lebens. Das Papsttum demonstrierte im Investiturstreit seine Macht und betrachtete sich als dem König- und dem Kaisertum übergeordnet. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahre 1095 zum ersten Kreuzzug aufgerufen, wodurch sich die allgemeine Stimmung gegen alles Nichtchristliche stark verschärfte. Im Jahre 1096 brach eine gewaltiges Heer nach Palästina auf, das vor allem aus einfachen Leuten bestand. In Ostfrankreich und im Rheinland gingen diese Volksmassen mit äußerster Grausamkeit gegen die jüdischen Gemeinden vor. Die dortigen Juden wurden ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht umgebracht. An den Pogromen sollen sich auch verschuldete Adelige beteiligt haben, die somit die von ihnen verhassten jüdischen Geldverleiher beseitigen wollten. Verschont wurden nur diejenigen Juden, die sich dazu bereit erklärten den christlichen Glauben anzunehmen. Daran wird deutlich, das es im Mittelalter - und allgemein bis ins 19. Jahrhundert hinein - einen religiös geprägten Antisemitismus gab, den man treffender als Antijudaismus bezeichnen kann. Damals gab es noch keinen Rassenbegriff, und auch der Volksbegriff war noch sehr schwach entwickelt.
Nachdem Kreuzfahrer während des ersten Kreuzzuges ganze jüdische Gemeinden in Städten wie Mainz ausgelöscht hatten, stellte Heinrich IV im Reichslandfrieden von 1103 die Juden unter Schutz. Doch ein Reichslandfrieden hielt meistens nicht lange vor und war nur bedingt wirksam. Zudem galt für Personengruppen, die im Reichslandfrieden als schutzbedürftig eingestuft wurden, das Waffenverbot. Menschen ohne Waffenrecht waren im mittelalterlichen Europa praktisch unfrei. Auch im Zuge der weiteren Kreuzzüge kam es zu schweren Ausschreitungen gegen die Juden, wobei diesen oftmals die Schändung von Hostien und das Begehen von Ritualmorden vorgeworfen wurde. Die Kirche rief zwar zur Mäßigung im Umgang mit den Juden auf, dies änderte aber nichts an ihrer antijüdischen Grundhaltung. Während der Kreuzzüge begann die jüdische Abwanderung nach Osteuropa, die sich im 14. Jahrhundert massiv verstärken sollte.
Nachdem es während der Kreuzzüge zu den ersten großen Judenverfolgungen des Mittelalters gekommen war, machte Kaiser Friedrich II die Juden im Jahre 1236 zu so genannten Kammerknechten ("Servi camerae nostrae"). Dadurch gerieten die Juden in direkte persönliche und wirtschaftliche Abhängigkeit vom Kaiser, der eine so genannte Judensteuer erheben konnte. Dieses "Judenregal", das Recht über die Juden in seinem Herrschaftsgebiet zu verfügen und eine Schutzsteuer von ihnen zu verlangen, wurde nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen Zentralgewalt während des Interregnums von vielen deutschen Territorialfürsten beansprucht. Die Goldene Bulle von 1356 bestätigte den Kurfürsten das Judenregal. Die Schutzsteuer war oftmals so hoch, das die als Geldverleiher tätigen Juden dazu gezwungen waren hohe Zinsen zu verlangen. Dies erzeugte neue Vorurteile und verstärkte den Hass der christlichen Bevölkerung auf diese nichtchristliche Minderheit.
Einen Höhepunkt der kirchlich geförderten Judenfeindlichkeit stellt das vierte Laterankonzil von 1215 dar. Auf diesem Konzil wurde unter anderem ein Ämterverbot für Juden beschlossen und ihnen eine bestimmte Kleiderordnung vorgeschrieben. Zudem wurde das Wohnen in gesonderten Stadtvierteln für alle Juden verbindlich. Durch das vierte Laterankonzil wurden antijüdische Entwicklungen untermauert, die schon längst begonnen hatten. So war es schon längst üblich, das man zu diversen Ämtern keine Juden zuliess. Auch die Ghettoisierung der Juden lässt sich ab dem 11. Jahrhundert belegen, obwohl sie sich durch die Beschlüsse des Laterankonzils verschärfte. Es entstanden jüdische Stadtviertel, die von Mauern umgeben waren deren Tore nachts abgeschlossen wurden. Dadurch wurden die Juden bei Pogromen zu einem leicht greifbaren Ziel. Während des 13. Jahrhunderts kam es zu zahlreichen Pogromen in Deutschland, unter anderem in Franken und Bayern. Der Vorwurf des Ritualmords oder der Hostienschändung war dabei meistens der Auslöser.
Gegen Ende des Hochmittelalters begann eine Welle von Vertreibungen jüdischer Gemeinden. Im Jahre 1290 liess König Eduard I von England alle Juden aus seinem Königreich vertreiben. Philipp IV liess 1306 alle Juden aus Frankreich ausweisen, doch erlaubte König Ludwig X im Jahre 1315 ihre Rückkehr. Unter Karl VI wurden die Juden im Jahre 1394 endgültig aus Frankreich vertrieben. Die meisten der aus England und Frankreich vertriebenen Juden flohen zunächst in das Heilige Römische Reich, doch auch hier waren sie nicht überall vor Verfolgung und Vertreibung sicher. Die Juden wurden in den europäischen Königreichen und Fürstentümern nur geduldet, solange sie den Herrschern einen wirtschaftlichen Nutzen brachten. Im Spätmittelalter sollten die Judenverfolgungen im Zuge der großen Pestwelle einen grausamen Höhepunkt erreichen.
Der katastrophale Bildungsgrad im Europa des Mittelalters, wo wahrscheinlich über neunzig Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren, bildete gemeinsam mit der allgemeinen Frömmigkeit und vorchristlichen Anschauungen den Nährboden für unterschiedlichste Vorurteile gegenüber den Juden. Es sind zahlreiche antijüdische Schriften und Zeichnungen aus dieser Epoche erhalten. Auch in mittelalterlichen Kirchen finden sich oftmals judenfeindliche Schnitzereien und sogar Kirchenfenster mit derartigen Motiven. Am häufigsten werden religiös bedingte Besonderheiten und die Tätigkeit der Juden - denen so gut wie alle Berufe verwehrt waren - als Geldverleiher aufgegriffen. Recht verbreitet waren Karikaturen auf die Juden, die Bezug auf ihre Ablehnung von Schweinefleisch nahmen. Das Bild vom Juden, der lieber aus dem Trog des Schweines isst als das Schwein zu schlachten kommt in Varianten häufig vor. Auslöser von judenfeindlichen Pogromen war meist der Vorwurf, die Juden hätten eine Hostienschändung vorgenommen oder einen Ritualmord an einem Christen begangen.
Die Unterstellung, die Juden würden auf rituelle Weise Hostien zerstören geht auf die im Mittelalter weit verbreitete Ansicht zurück, das die Juden für den Tod von Jesus Christus verantwortlich seien. Vor diesem Hintergrund kam im Mittelalter die Unterstellung auf, die Juden würden sich heimlich Hostien besorgen und diese durchbohren, um so die Ermordung Christi zu wiederholen. Auf dem vierten Laterankonzil wurde im Jahre 1215 die so genannte Transsubstantiationslehre zum Dogma erklärt. Damit ist gemeint, das Hostie und Messwein durch die Eucharistie real in Leib und Blut Christi verwandelt würden. Dadurch fand das Vorurteil der angeblichen Hostienschändung durch Juden noch mehr Verfechter, so dass sich die Fälle in denen man Juden dergleichen unterstellte nach dem vierten Laterankonzil häuften. Zahlreiche Pogrome des Hoch- und Spätmittelalters wurden durch angebliche Hostienschändungen ausgelöst.
Im Mittelalter wurde den Juden oftmals unterstellt, sie würden zur Osterzeit einen Jungen christlichen Glaubens entführen und ihn schlachten, um sein Blut zu trinken. Erste angebliche Fälle eines solchen Ritualmordes sind seit Beginn des 12. Jahrhunderts belegt. Sowohl die Hostienschändung als auch der Ritualmord stellen beliebte Motive in antijüdischen Zeichnungen des Mittelalters dar. Auch die Unterstellung, die Juden hätten einen Ritualmord an einem Christenjungen begangen, löste diverse Übergriffe auf die jüdische Minderheit aus. Auf die Hostienschändung und den Ritualmord beriefen sich Judenfeinde teilweise bis zum frühen 20. Jahrhundert.
Siehe auch: Antisemitismus, Antisemitismus (Spätmittelalter-Frühe Neuzeit)
Ursachen und Entwicklung des mittelalterlichen Antisemitismus
Die Ausbreitung des Christentums in spätrömischer Zeit
Die Christianisierung der frühmittelalterlichen Reiche
Die Entwicklung im beginnenden Hochmittelalter
Das Zeitalter der Kreuzzüge
Das ausgehende Hochmittelalter
Antijüdische Vorurteile im Mittelalter
Hostienschändung
Ritualmorde an Christen