Erfundenes Mittelalter

Die Theorie vom Erfundenen Mittelalter geht auf Heribert Illig zurück. Seiner Ansicht nach hat unsere Geschichtsschreibung etwa 300 Jahre frei erfunden. Grundlage der These ist Illigs Behauptung, dass es aus der Zeit zwischen 700 und 1000 n. Chr. nur sehr wenig archäologischee Funde gebe, die zudem meist auch noch falsch datiert seien. Illig nennt diese Zeit auch Phantomzeit. In diese Zeit fällt auch das Leben und Wirken von Karl dem Großen.

Uwe Topper führte die Theorie weiter und machte genauere Angaben zu der angeblich fehlenden Zeit. Danach betrage die übersprungene Zeit 297 Jahre - dem Jahr 614 der christlichen Zeitrechnung sei sofort das Jahr 911 gefolgt. Er will sogar erkannt haben, dass auf den August 614 der September 911 folgte.

Als Begründung dafür behauptete er, der Islam sei eine Nebenform des Arianismus. Nach dem Konzil von Nizäa im Jahre 325, auf dem Arius verurteilt worden war, habe sein Anhänger Mohammed aus Mekka fliehen müssen und damit den Beginn der islamischen Hedschra-Zeitrechnung ausgelöst. Nach der landläufigen Geschichtsschreibung liegt dieser Zeitpunkt im Jahr 622. Zwischen 325 und 622 liegen 297 Jahre.

Die Christen versuchten, als der Islam sich über weite Teile des Orients ausbreitet hatte, dessen Zusammenhang mit dem Christentum zu vertuschen, und legten deshalb dessen Entstehung in eine spätere Zeit. Bei den (arianischen) Goten war als Zeitrechnung die Era in Gebrauch, die mit der Einführung des Julianischen Kalenders im Jahr 44 v. Chr begonnen haben soll. Die Christen legten nun angeblich Mohammeds Flucht auf das Jahr 666 der Era (666 = Zahl des Antichrist), was dem Jahr 622 n. Chr. entsprochen hätte. An diesem Beispiel zeigt sich, wie (un-)geschickt Topper Daten zu manipulieren versucht. Die Era wurde von den Westgoten in Spanien übernommen und geht auf ein unbekanntes Ereignis im Jahre 38 v. Chr. zurück; sie hat also weder mit dem Arianismus zu tun, noch gibt es den konstruierten Zusammenhang mit der Zahl des Antichrist. Den Unterschied zwischen 38 und 44 v. Chr. erklärt Topper damit, dass das Geburtsjahr Jesu nicht genau bekannt sei und er möglicherweise ein paar Jahre vor dem Beginn der Zeitrechnung geboren wurde (was wahrscheinlich auch der Fall war).

Die Theorie vom Erfundenen Mittelalter wird von der Fachwelt weitgehend abgelehnt. Für den fraglichen Zeitraum existieren Tausende von Dokumenten (Grundstückverkäufe, Testamente usw.) mit exaktem Datum und Unterschrift sowie Grabmäler oder Bauwerke mit Inschriften in sämtlichen Ländern Europas. Diese und andere Daten werden von den Historischen Hilfswissenschaften analysiert und dienen als Basis für weitere wissenschaftliche Arbeiten, von der Datierung von Funden bis hin zur Erstellung von Zeittafeln.

Der zumindest verlegerische Erfolg der Thesen mag darin begründet sein, dass die Postulierung einer Phantomzeit für viele Leser eine bestehende Lücke in ihrer zeitlichen Vorstellung der Geschichte Europas füllt. Diese wird schulisch und gesellschaftlich meist in Epochen vermittelt. Oft wird dann das Römische Kaiserreich reduziert auf Augustus und als durch das Christentum abgelöst empfunden. Das Christentum jedoch taucht, abgesehen von seiner Entstehung, erst wieder in den mittelalterlichen Kirchenbauten auf. Für viele Laien entsteht ein Zeitsprung von 800 - 1000 Jahren, der für sie frei von historischen Ereignissen ist (Caesar - Augustus - Christus - Karl der Große - Otto I. (HRR)). Das eigentliche Römische Kaiserreich, Byzanz und die Völkerwanderung werden dabei ausgeblendet. Der Lehrplan für den Geschichtsunterricht beschränkt die 500-jährige Geschichte des Frankenreiches meist auf seine beiden bedeutendsten Herrscher Chlodwig I († 511) und Karl den Großen († 814), zwischen denen eine dreihundertjährige Lücke klafft.
Die Verminderung dieser leeren Zeit um 300 Jahre durch die oben genannten Thesen beantwortet für manche Laien ihre Fragen zufriedenstellend.

Ein weiterer Grund für den Medienerfolg Illigs liegt vielleicht in der prinzipiellen Neigung der Öffentlichkeit, Außenseitern ihr Ohr zu leihen, weil deren Thesen vom institutionellen akademischen Wissenschaftsbetrieb angeblich unterdrückt würden (Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus).

Auch benutzen Rechtsextremisten diese These dazu, die Geschichtswissenschaft in Misskredit zu bringen. Denn wenn die Wissenschaft 300 gefälschte Jahre nicht entdeckt hat, warum sollte ein gefälschter Holocaust nicht ebenfalls übersehen worden sein, so die Argumentation von Holocaust-Leugnern.

Literatur

Weblinks

Erwiderungen auf die Thesen: