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2 Ursprung 3 Zusammenfassung |
Mit Existenzialismus bezeichnet man die Philosophie, die sich um 1940 hauptsächlich aus der Existenzphilosophie Martin Heideggers, Karl Jaspers und der Phänomenologie Edmund Husserls entwickelte, die aber auch Denkansätze und Probleme aus der Existenzphilosophie Sören Kierkegaards, dem Idealismus Hegels und der modernen Gestaltpsychologie aufnahm.
Der Hauptvertreter des französischen Existenzphilosophie ist vor allem Jean-Paul Sartre; daneben ordnet man den christlichen Philosophen Gabriel Marcel, den Philosophen des Absurden Albert Camus, den Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty und Sartres Lebensgefährtin Simone de Beauvoir dem Existenzialismus zu. Eine genaue Abgrenzung muss jedoch vorgenommen werden, da beispielsweise Albert Camus eher über die absurden Lebensbedingungen des Menschen nachdachte; Merleau-Ponty hinsichtlich der phänomenologischen Wahrnehmung des Bewusstseins die entgegengesetzte Position zu Sartre vertrat, Gabriel Marcel, im Gegensatz zu den meisten atheistischen oder agnostischen Denkern, in seinem Denken christlich geprägt war und Simone de Beauvoir eher lebensweltliche-gesellschaftskritische statt erkenntnistheoretische Fragen behandelte. Daneben gibt es zahlreiche andere Philosophen, die zum Teil mehr in die Bereiche des Marxismus (Henri Lefebvre) oder des Strukturalismus (Roland Barthes) bzw. schon des Postsrukturalismus (Michel Foucault) hinein reichen. Das Etikett Existenzphilosophie wurde von den damaligen französischen Zeitungen geprägt und geht nicht genuin auf einen der entsprechenden Autoren zurück. Sartre musste sich sogar mit seiner Schrift „Ist der Existenzialismus ein Humanismus?“ (1946) gegen Kritik und Vorbehalte wehren, die dem Etikett anhafteten. Der Existenzialismus war stets Anfeindungen ausgesetzt und um so mehr je mehr er das kulturelle, intellektuelle und politische Leben Frankreichs (zum Teil auch Deutschlands und Amerikas) beeinflusste. Auch eine ganze Reihe von Künstlern (etwa den Bildhauer Alberto Giacometti) ordnet man dem E. oder einer seiner Subkulturen zu.
Am besten lässt sich der Existenzialismus anhand einiger Problemstellungen verstehen. Hier sei nur die Entwicklung verfolgt, die von Heideggers Werk „Sein und Zeit“ (1927), der Phänomenologie Husserls und der Begrifflichkeit Hegels ausging und die sich über Sartres Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (1943) bis zu seinem Spätwerk „Die Kritik der dialektischen Vernunft“ (1960) fortsetzte. Für eine Abgrenzung gegenüber Camus und de Beauvoir werden deren Philosophien gesondert behandelt.
In „Sein und Zeit“ (1927) wird der Mensch von Heidegger nicht-metaphysisch bestimmt; das Wesen des Menschen ist vielmehr seine Existenz. Der Mensch, oder, wie Heidegger sagt, das Dasein, existiert in einer Welt. Die Welt ist der Verweisungszusammenhang des Zeugs, in dessen Zentrum das Dasein steht. Ein Zeug ist ein Ding, das benutzt werden kann, um irgend etwas zu tun, etwa ein Hammer. Das Dasein besitzt bestimmte Existenziale. Diese unterscheiden sich von den Kategorialien der Dinge. Die Dinge sind einfach vorhanden; das Zeug ist zuhanden (d.h., es kann gegriffen und benutzt werden), das Dasein aber existiert, d.h., es verzeitlicht sich. Verzeitlichen bedeutet, seine Möglichkeiten entfalten. Dies wird später von Sartre aufgenommen und zur Freiheit des Menschen radikalisiert werden. Bei Heidegger wird aber schon deutlich, dass der Mensch ein Dasein ist, das immer auf die Zukunft ausgerichtet ist. Es ist nicht gemacht worden, sondern macht sich und vollendet sich erst in der Zukunft, das heißt nie, denn es realisiert vorher den Tod, der seine fundamentalste Möglichkeit ist. In der Gegenwart hat das Dasein zwei Weisen zu sein: Es kann eigentlich und uneigentlich sein. Eigentlich ist es dann, wenn es seine spezifischen Möglichkeiten ergreift; uneigentlich dann, wenn es wie alle anderen Daseine ist und sich im Man, der Durchschnittlichkeit aller Daseine, verliert. Nur die Angst reißt das Dasein in seine Eigentlichkeit zurück. Die Angst bezieht sich dabei niemals auf etwas, vor dem sich das Dasein konkret fürchtet, wie etwa vor einem bissigen Hund, sondern in der Angst fürchtet es sich vor seiner Geworfenheit, das heißt: dem unbegründeten In-der-Welt-sein. Das Dasein ist unbegründet, es muss sich in der Welt finden und seine Möglichkeiten realisieren.
Sartre gelangt in seinem ersten Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (1943) zu einer ganz ähnlichen Konzeption des Menschen, radikalisiert sie aber und greift zusätzliche Probleme auf. Eher aus der Phänomenologie kommend macht sich Sartre darüber Gedanken, wie der Unterschied zwischen Sein und Nichts bestimmt ist. Dafür verwendet er Begriffe, die er bei Hegel findet, nämlich das Begriffspaar an-sich und für-sich und die Perspektive des Phänomenologen, der nur das Ding, wie es erscheint, ansieht. Während Heidegger die Frage nach dem Sinn von Sein aufwarf und nur nebensächlich den Menschen als Dasein bestimmte, definiert Sartre das Sein als reine Identität mit sich. Das Sein ist an-sich. Das Nichts hingegen ist der Mangel an dieser Identität. Sartre identifiziert den Menschen mit diesem Nichts. Dem Menschen mangelt es an einem gegebenen, festen Sein; er muss dieses erst finden, kann es aber zugleich nie. Sartre in „Das Sein und das Nichts“: Der Mensch ist ein Sein, das das ist, was es nicht ist und das nicht das ist, was es ist. Ebenso wie bei Heidegger ist der Mensch auf die Zukunft gerichtet; er ist sich immer schon voraus. Er entwirft sich und das heißt, er bildet ein provisorisches Sein, das durch einen erneuten Entwurf durchkreuzt wird usf. Der Mensch ist ein Sein, dass nie mit sich identisch wird; es besitzt immer einen Mangel an Sich. Der Mensch ist für-sich und das bedeutet: er ist frei. Und noch mehr: Sartre bestimmt den Menschen als ein Sein, dass seine Freiheit nicht zerstören kann, weil die Freiheit eben die grundlegende Möglichkeit ist, sich stets zu entwerfen und das, was man vorher war, zu überschreiten. Sartre schreibt: „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“ Da der Mensch radikal frei ist, ist er auch radikal verantwortlich. Systematisch hat Sartre diesen Gedanken der Verantwortung aber nie entwickelt. Jedoch unterschied Sartre (ähnlich wie Heidegger) zwischen authentischer Seinsweise und unauthentischer Seinsweise. Zur letzteren gehört vor allem, wenn man seine eigene Freiheit leugnet. Die Konsequenz aus der Bestimmung des Menschen als zur Freiheit Verurteilter lag für Sartre vor allem in der politischen Praxis, für die er viele Anfeindungen erfuhr und wegen der auf ihn zwei Bombenattentate ausgeübt wurden. Sartre besuchte den Terroristen Andreas Baader im Gefängnis Stammheim, um sich von dessen schwierigen Haftbedingungen zu überzeugen; er unterstützte eine illegale Zeitschrift und wies permanent auf Ungerechtigkeiten in den kommunistischen und kapitalistischen Ländern hin. In seinen Romanen und Theaterstücken behandelte er verschiedene Themen, kreiste aber vor allem um das Thema Freiheit und Determinismus. In seinem zweiten Hauptwerk, der „Kritik der dialektischen Vernunft“ (1960), versuchte Sartre die Geschichte als einen dialektischen Prozess von Determinismus und Freiheit, der Materie und dem freien Handeln der Gruppe zu untersuchen. Auch setzte er sich kritisch mit der Psychologie Freuds, dem Behaviorismus und vielen anderen deterministischen Theorien auseinander. Der Einfluss von Husserls Phänomenologie ist vor allem in Sartres „Die Imagination“ (1936) und in „Das Sein und das Nichts“ zu finden. Im letzteren Werk spielt die Phänomenologie, das heißt, die Lehre von den Phänomenen, oder im Husserlschen Sinne: die Lehre von den Bewusstseinsphänomenen, dahingehend eine Rolle, als dass aus ihnen die Wahrnehmungsweisen des subjektiven Bewusstseins entwickelt werden. So unterscheidet Sartre fundamental zwischen der Perspektive des Subjektes und der Perspektive des Anderen, der seinen Blick auf das Subjekt, und der Perspektive, die das Subjekt über einen objektiven Vermittler auf sich richtet. Wie ist das zu verstehen? Die erste Perspektive ist die des subjektiven Bewusstseins. Es nimmt sich wahr als Handelndes. Die Objektivierung kann beispielsweise über ein Röntgenbild erfolgen, indem das Subjekt sein knöchernes Kniegelenk sieht. Das ist aber eine fundamental anders geordnete Seinswahrnehmung, denn während des Fußballspiels empfindet sich das Subjekt nicht als Knochen-habend. Den Blick, den ein anderes Bewusstsein auf sein Bewusstsein richtet, bewirkt, dass sich das angeblickte Bewusstsein auf seine Akte geworfen fühlt. Sartre nennt das Beispiel eines Voyeurs, der durch ein Schlüsselloch schaut und entdeckt wird. Die Scham, die er in sich aufsteigen fühlt, rührt daher, dass er erblickt und auf seinen Akt reduziert worden ist (ohne die Möglichkeit der Ausflucht, er sei eigentlich gar nicht neugierig). Für Sartre spielt nur diese fundamentale Freiheit, die den Akt bestimmt, eine Rolle, nicht etwa Charaktereigenschaften. Diese gibt es für Sartre nicht. Das Sein des Subjektes ist nur seine Akte, mehr nicht. So ist also der Körper des Subjekts immer in Situationen. Der Situationsbegriff ist eines der wichtigsten Elemente in der Philosophie Sartres und er wird von de Beauvoir weiterentwickelt (s.u.). Der Körper ist immer in Situation (immer engagiert) und das Wichtigste: Nicht der Körper bestimmt die Situation, sondern die Situation bestimmt den Körper. Man kann daher einen Menschen niemals aus seinen Charaktereigenschaften oder seinem Habitus oder seinen Anlagen etc. verstehen, das wäre unauthentisch. Sondern man muss ihn in seiner Situation verstehen. Gleichwohl entschuldigt die Situation nie eine Handlung. Da der Mensch frei ist, kann er sich nie entschuldigen. Seine Handlung auf eine Kausalität zurückführen hieße, unauthentisch sein. Sich aber darauf hinauszureden, etwa dieses Verbrechen getan zu haben, weil man eben zur Freiheit gezwungen sei, ist ebenso unauthentisch. Das, was der Mensch ist (etwa seine Vergangenheit, seine Erinnerungen etc.), muss er übernehmen. Indem er es übernimmt, wird das, was er ist, etwas anderes. Die Vergangenheit beispielsweise bekommt einen anderen Sinn.
Simone de Beauvoir hat in ihren zwei wichtigsten Büchern („Das andere Geschlecht“ (1949); „Das Alter“ (1970)) wesentliche Gedanken Sartres auf die gesellschaftlichen Verhältnisse angewandt. Ihr Buch über die Situation der Frau gab die wichtigsten theoretischen Impulse des damaligen Feminismus und ist in der heutigen poststrukturalistischen Feminismustheorie immer noch Profilgeber und Objekt der Kritik. In „Das andere Geschlecht“ untersucht sie, was eine Frau ist bzw. wie die männliche Gesellschaft die Frau über Jahrhunderte und auch noch in der Gegenwart und in verschiedenen Gesellschaften zum Objekt macht. Beauvoirs wichtigste These: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird zu ihr gemacht.“ Frau – das ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das einem an sich sinnlosen, biologischen Merkmal einen bestimmten Sinn verleiht. Beauvoir zeichnet die Stationen nach, wie das junge Mädchen bis zum Alter unterdrückt wird, welche Welt und welche Zukunft man ihm präsentiert und in welche Rolle man es einsperrt. Auch durchforscht Beauvoir die Literatur nach Frauenbildern. Dabei wird deutlich, dass es immer zwei Frauenkonzeptionen gibt, die, obwohl eigentlich widersprüchlich, immer zusammen gehören: Das Bild der reinen Göttin und das der schmutzigen Hure (beide in verschiedenen Variationen). Sie zeigt auf, welche Doppelmoral in der männlichen Gesellschaft herrscht, aber auch, wie Frauen aus diesem Kampf auszubrechen versuchen, d.h., welche Lösungen sie für sich entwerfen – um nicht selten in pathologischen Entwürfen zu enden. Es wird auch deutlich, dass der Mann nicht nur die Frau unterdrückt, sondern ebenso sich selber. De Beauvoir bettet diesen Sachverhalt in eine grundsätzliche Gesellschaftskritik ein und kommt zu dem Ergebnis, dass sich beide Geschlechter befreien müssen.
In ihrem zweiten Hauptwerk, „Das Alter“, untersucht Beauvoir die Lebensbedingungen der alten Menschen im Laufe der Geschichte und ebenso, welche Bilder sich das alltägliche Denken, die Literatur oder auch die Wissenschaft, vom Alter gemacht haben. Beauvoir geht zahlreiche Zeugnisse durch, wie Schriftsteller ihren Zerfallsprozess erlebt haben oder welches die klinischen Probleme der Alten sind. Auch hier wird deutlich, dass das Alter zu einem gesellschaftlichen Problem gemacht wurde.Einordnung und Differenzierung
Ursprung
Martin Heidegger
Jean-Paul Sartre
Simone de Beauvoir