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Historisch geht aber natürlich die Entwickelung der begleitenden I. Hand in Hand mit derjenigen der I. überhaupt, nicht aber mit der der Vokalmusik, da sie von der Entwickelung der Instrumente abhängig ist. Die I. ist sehr alt und wohl nur wenig jünger als der Gesang; in ihrem primitivsten Stadium entbehrte sie der Harmonie durchaus (diese ist noch kein Jahrtausend alt) und der Melodie wahrscheinlich so gut wie ganz, so dass sie hauptsächlich sich rhythmisch gestaltete; die Anwendung von Schlaginstrumenten zur Markierung des Rhythmus für den Tanz wird wohl sogar älter sein als. ein auch nur einigermaßen melodischer Gesang. Die Anwendung von Saiten- und Blasinstrumenten, die einer Melodie fähig sind, setzt schon eine gewisse Kultur voraus, ist aber unter allen Umständen weit früher anzusetzen als die Erfindung einer Schriftsprache. So ist denn bei allen Kulturvölkern die Erfindung der ersten Musikinstrumente ein Gegenstand der ältesten Mythen. Ob die reine. oder die begleitende I. älter ist, läßt sich nicht entscheiden; doch ist anzunehmen, dass für Blasinstrumente der Gebrauch ohne Gesang, dagegen für Saiteninstrumente der begleitende Gebrauch der ältere war... da wohl derselbe Mensch singen und ein Saiteninstrument spielen, aber nicht singen und blasen kann.
Das gemeinsame Musizieren mehrerer Menschen ist (sofern es sich um mehr als das Markieren des Rhythmus handelt) schon ein Stadium weiterer Entwicklung. Bei den Griechen finden wir das Soloflötenspiel (Aulesis) bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. so weit entwickelt., dass Sakadas aus Argos um 585 für dasselbe Gleichberechtigung mit den andern Künsten bei den Pythischen Spielen erlangte. Auch das selbständige Kitharaspiel (Kitharisis) soll nicht lange darauf durch Agelaos von Tegea (um 559) zu Ehren gebracht worden sein. Die begleitende I. der Alten war nichts andres als ein Mitspielen im Einklang oder in der Oktave. Die Blechblasinstrumente wurden bis tief in das Mittelalter nicht für eigentliche Kunstmusik, sondern nur beim Militär als Signalinstrumente sowie bei Aufzügen und Opfern, wo Massenwirkung bezweckt war, angewandt (Tuba, Lit.uus, Buccina). Erst bei den mittelalterlichen Festspielen bei fürstlichen Vermählungen sowie bei den Mysterien (geistlichen Schauspielen) bildeten sich die ersten Ansänge mehrstimmiger instrumentaler Kunstmusik aus.
Eine neue Phase der Entwickelung der I. beginnt mit Auftreten der Streichinstrumente; die ältesten Spuren geigenartiger Instrumente im Abendland reichen bis ins 9. Jahrhundert n. Chr. Die Annahme, dass dieselben durch die Araber nach Europa gekommen seien, ist wahrscheinlich irrig. Als Begleitinstrument oder Solo-Instrument der Troubadoure (ein ritterlicher Spielmann, welcher die Fiedel zu behandeln versteht, ist auch der Volker von Alzey im Nibelungenlied), sodann das Lieblingsinstrument fahrender Spielleute, mit dem sie, wohin sie kamen, zum Tanz ausspielten, entwickelte sich die Fiedel schnell und machte die verschiedenartigsten Wandlungen durch, so dass wir zu Beginn des 16. Iahrh. eine große Anzahl verschiedenster Streichinstrumente antreffen. Um diese Zeit entstand. die erste kunstgemäße mehrstimmige I.
Da nämlich im 15.-16. Jahrhunderet sich der polyphone Vokalsatz (vgl. Kirchenmusik) durch die Niederländer zu unvergleichlicher Vollkommenheit entwickelte, aber nicht überall, wo man Lust hatte, die Werke eines Iosquin, Isaak zu hören, geschulte Sänger in genügender Anzahl fand, welche dieselben ausführen konnten, so griff man zu dem Ausweg der Verstärkung oder des teilweisen, ja gänzlichen Ersatzes durch Instrumente. Dem Bedürfnis akkommodierte sich die Bauart der Instrumente, und so finden wir denn jede Art von Instrumenten in drei oder vier Größen ver-treten, als Diskant- (Alt-), Tenor- und Baßinstru-ment; es gab da ein Quartett (Trio) von Flöten (und zwar sowohl von Schnabelslöten als Querflöten), von Schweizerpfeifen , Kr.ummhörnern, Schalmeien, Zinken, Posaunen, desgleichen von den Streichinstrumenten und zwar von den dreisaitigen Geigen mit oder ohne Bünde (Kleingeigen) wie von den mehrsaitigen (Großgeigen) mit Bünden (Violen). Auch die lautenartigen Instrumente existierten in verschiedenen Größen (Laute, Guitarre und im 17. Jahrhundert Theorbe, Mandora).
Die ältesten ausdrücklich für Instrumente geschriebenen mehrstimmigen Musikstücke sind Tänze, die indes noch keinerlei ausgeprägten Instrumentalstil haben. Auf den der Mehrstimmigkeit fähigen Instrumenten wurde auch mehrstimmig und zwarmitrealen Stimmen musiziert (Klavierinstrumente, Laute und Großgeigen, später Gambe). Die den Instrumentalsatz charakterisierende Beweglichkeit (durch Verzierung, Figurierung, Passagenwerk) kam erst im Lauf des 16. Jahrhunderts für das Einzelspiel der Klavierinstrumente und Lauten auf; wenn dieselben einen getragenen Vokalsatz imitierten, so entschädigten sie durch die Kolorierung für den Ausfall der gehaltenen Töne. Diese Manier wurde auf die Orgel übertragen und kam so endlich, nachdem der ursprüngliche Entstehungsgrund in Vergessenheit geraten war, auch für die Streich- und Blasinstrumente in Gebrauch.
Die moderne I. hat zwei Ausgangspunkte: den Orgel- oder Klavierfatz und den zu Anfang des 17. Jahrhunderts aufkommenden begleiteten Einzelgesang. Der Orgelsatz entwickelte sich in der schon angedeuteten Weise weiter, die Formen der Vokalmusik in sreier, verbrämter Weise nachbildend; er gipfelt schließlich in den Orgel- und Klavierwerken Seb. Bachs. Die Begleitung des Sologesangs in den ersten musikdramatischen Versuchen (s. Oper) war einfach genug: ein bezifferter Baß, der durch Klavier, Lauten verschiedener Größe und Baßviole (Lira gründe, ein Instrument wie die Gambe, nur mit Kontrabaßdimensionen) abgespielt wurde (s. Generalbaß); als Einleitung wurde ein Madrigal gespielt, d. h. ein Gesangsstück ohne Text, und die instrumentalen Zwischenspiele bestanden nur aus wenigen Akkorden. Doch wuchs gar schnell aus diesen unscheinbaren Ansängen die moderne I. heraus, besonders seit die Violine, durch die größten Meister vervollkommt, sich zum herrschenden und melodieführenden Instrument emporschwang (vgl. Orchester).
Als erste Formen der reinen I. (absoluten Musik) erstanden außer den schon angedeuteten noch im 17. Jahrhundert die Ouvertüre (gewöhnlich als Symphonie bezeichnet), ursprünglich Vorspiel, Einleitung eines Musikdramas, doch ohne motivische Beziehungen zu diesem, später zu einem selbständigen Orchesterstück erweitert (aus dem unsre heutige Symphonie hervorging); die Suite oder, wie sie später hieß, Partita, eine Zusammenstellung mehrerer der üblichen Tanzarten (Allemande, Courante, Sarabande, Gigue) zu einem der Tonart nach einheitlichen Zyklus; endlich die Sonate, ursprünglich wenig verschieden von der Suite, doch schon durch Domenico Scarlatti (1683-1757) unsrer heutigen Sonate insofern nahegebracht, als der erste Satz ungefähr die von der Ouvertüre übernommene Form erhielt, welche man heute Sonatenform nennt.
Die Hauptträger der Fortentwickelung der I. find außer den schon genannten noch Fr. Couperin (gest. 1733), Joh. Kuhnau (gest. 1722) und besonders K. Ph. E. Bach (gest. 1788), den die beiden ersten Repräsentanten unserer klassischen Zeit der I., Haydn und Mozart,ihren Lehrmeister nannten. Auf dem Gebiet der Symphonie und des Streichquartetts sind neben Haydn als Mitbegründer zu nennen: G. B. Sammartini, Gossec und Grétry.
Nachdem einmal das moderne Prinzip, die Herrschaft einer Melodie im mehrstimmigen Satz, gefunden war (die alte Zeit kannte. nur Melodie, das Mittelalter eine der Hauptmelodie entbehrende Mehrstimmigkeit; da alle Stimmen Melodie waren, war keine eine wirkliche), ging die Entwickelung mit Riesenschritten vorwärts. Die Begleitung wurde in ihrer schönsten Bedeutung erkannt und ihr die Aufgabe zugewiesen, den harmonischen Gehalt der Melodie zu erschließen. So vertiefte sich die Ausdrucksfähigkeit der I. mehr und mehr, besonders als die ernsthafte Natur Beethovens sich fast ausfchließlich der I. zu wandte und neue Saiten von erschütterndem Klang anschlug. Durch die nun schon länger als 2 1/2 Jahrhunderte andauernde Verbindung der I. mit dem gesungenen Drama (Oper) hat sich eine Illustrationsmusik von so unzweideutiger Prägnanz des Ausdrucks herausgebildet, dass es die jüngsten Meister unternehmen konnten, rein instrumentale Werke aufzustellen, welche bestimmte Charaktere, ja Situationen, psychologische Vorgänge und Naturereignisse zeichnen.
Über die Berechtigung dieser Kompositionsgattung sowie über die Bedeutung der reinen I. vgl. Tonmalerei.