|
|
Geschichte des Lehrgedichts
Die frühesten Zeugnisse für Lehrdichtung ("didaktische Poesie") stammen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Der griechische Dichter Hesiod aus Askra in Böotien verfasste in dieser Zeit ein Gedicht über die Genealogien griechischer Götter (Theogonie) und ein weiteres über Landwirtschaft (Werke und Tage, gr. Èrga kai hemèrai: der zweite Teil, "Tage", ist wahrscheinlich unecht), dessen Hintergrund ein Erbschaftsstreit mit seinem Bruder Perses ist. Obwohl sowohl die "Theogonie" als auch die "Erga" keine Lehrgedichte im eigentlichen Sinne sind, gelten sie späteren Dichtern als Prototypen didaktischer Poesie, an denen man sich vielfach orientierte.
Im klassischen Griechenland des fünften Jahrhunderts vor Christus nutzten die unteritalischen Naturphilosophen Parmenides und Empedokles die poetische Form zur Darstellung ihrer Lehre: Sowohl von Parmenides' Lehrgedicht "Über das Sein" als auch von Empedokles'Lehrgedicht "Über die Natur" sind allerdings nur wenige Fragmente erhalten geblieben, die gleichwohl einen guten Eindruck von der Sprachgewalt ihrer Verfasser vermitteln.
Einen Wandel machte das Lehrgedicht in der Zeit des Hellenismus durch, da die Verfasser von Lehrgedichten von dieser Zeit an nicht mehr die Ergebnisse eigener Forschungen in dichterischer Form präsentierten, sondern ihren Stoff aus einer fachwissenschaftlichen Prosavorlage entnehmen. Das früheste (und zugleich wirkungsreichste) Zeugnis hellenistischer Lehrdichtung sind die Phainomena des Arat von Soloi (Kilikien), die in etwa 1000 Versen den Sternenhimmel und besondere Himmelserscheinungen, z.B. Kometen, beschreiben. Erhalten sind aus hellenistischer Zeit ferner zwei Lehrgedichte des Nikander von Kolophon, die sich in jeweils etwa 600 Versen mit gefährlichen Tieren (v.a. Schlangen - "Theriaká) und mit den Heilmitteln gegen Schlangenbisse ("Alexipharmaka") beschäftigen.
Das römische Lehrgedicht beginnt mit der Übersetzung einer hellenistischen Vorlage des Archestratos von Gela durch den Dichter Ennius, der dessen "Hedypatheia", eine metrische Sammlung von Kochrezepten, ins Lateinische übertrug. Von diesem wie von den anderen frühen römischen Lehrgedichten, etwa den literarhistorischen Stücken des Accius, des Porcius Licinius und des Volcacius Sedigitus, sind nur wenige Fragmente erhalten. Eine wesentliche Neuerung der Gattung stellt das Lehrgedicht "De rerum natura" des T. Lucretius Carus dar; einerseits aufgrund seines Umfangs von sechs Büchern, andererseits deswegen, weil hier erstmalig die Lehre Epikurs zum Lehrgegenstand gemacht wird.