Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos. Es entstand etwa um 1190/1200 in mittelhochdeutscher Sprache.

Table of contents
1 Verfasser und Entstehung
2 Ort und Zeit der Handlung
3 Die Handlung
4 Wichtige Personen des Nibelungenliedes (alphabethisch)
5 Verwandte Sagen
6 Überlieferung
7 Forschungs- und Rezeptionsgeschichte
8 Literatur
9 Weblinks

Verfasser und Entstehung

Der Verfasser des Nibelungenliedes ist unbekannt, hat aber sehr gute Ortskenntnisse im heutigen niederbayerischen-österreichischen Raum rund um Passau (der sog. Wachau). Dazu passt die Sprachform, ferner, dass der damalige Bischof von Passau, Wolfger, namentlich genannt wird und dass das Nibelungenlied weitgehend die gleiche Strophenform verwendet, wie der frühe Minnesänger "Der von Kürenberg" aus der selben Gegend. Teils wird angenommen, dass es sich beim bekannten Nibelungenlied bereits um die erste künstlerisch freie Zusammen- und Neufassung einer vorhandenen Menge von Erzählungen und zu diesem Zeitpunkt älteren evtl. schriftlich vorhandenen Heldensagen und Fragmenten von solchen Sagen handelt.

Ort und Zeit der Handlung

Ein Kernproblem des Nibelungenliedes ist seine Aufzeichnung eines germanisch-heidnischen Stoffes, der wohl über lange Zeit in einer sog. Dichtersprache tradiert worden war, in dieser Zeit und für ein Publikum, das wohl bereits hochhöfische Artusepik kannte (Hartmann von Aue) - eine völlig andersgeartete Elite-Literatur mit verfeinerter christlich-ritterlicher Ethik. In dieser Hinsicht war das Nibelungenlied von vornherein unzeitgemäß, die strophische Form mit germanischen Langzeilen scheidet es ebenfalls von der "modernen" Ritterliteratur eines Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach.

Den Widersprüchen trotzend, höfisiert der Dichter die germanischen Heroen und Walküren und stellt sie in ein christlich-hochadeliges Umfeld. So wird aus dem Drachentöter Siegfried erst mal ein schüchterner Werber, der seine Liebe zu Kriemhild erst dann deutlich bekundet, als er bei den Burgundenkönigen Gunther, Gernot und Giselher ausreichend Freundschaftskredit erworben hat. Einige Situationen, die den Konflikt zwischen Völkerwanderungs-Mythos und Ritter-Ethos auf die Spitze treiben (so etwa die für Gunther schmachvolle Hochzeitsnacht mit Brunhild), sind eventuell nur noch ironisierend zu interpretieren.

Das Ende ist bekanntlich bluttriefend und unversöhnlich und steht damit ebenfalls fernab der "Happy-End"-Notwendigkeit höfischer Epen. Trotz unausweichlicher Brüche hat der Nibelungenlied-Dichter nicht allein das Verdienst, das Epos um Siegfried und Kriemhild überhaupt überliefert zu haben: In diversen Szenen gelingen ihm dichte Atmosphäre und Figurenpsychologie.

Die bekannte Eingangsstrophe (wohl erst späterer einleitender Zusatz):

''Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren von grozer arebeit
von freude vnd hochgeziten von weinen vnde klagen
von küener recken striten mvget ir nv wunder horen sagen''

Die Handlung

Das Nibelungenlied besteht aus zwei Teilen: im ersten Teil steht Siegfriedss Tod, im zweiten die Rache seiner Gattin Kriemhild im Mittelpunkt. Das Umfeld ist die Zeit der Könige von Burgund am Rhein, sowie (im zweiten Teil) Südostdeutschland, wie dem Donaugebiet des heutigen Österreichs und Ungarns.

Am Königshof zu Worms lebt die junge Prinzessin Griemhild zusammen mit ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Geiselher. In diese gesittete und reine Welt dringt der heiratslustige Siegfried forsch ein. Er zeichnet sich bald schon durch Heldentaten im Krieg aus. Obwohl er dadurch die Freundschaft der drei Könige gewinnen kann, muß er ein Jahr warten, ehe er Griemhild, die zu heiraten er nach Worms gekommen war, überhaupt zu Gesicht bekommt. Die beiden sind füreinander bestimmt, doch bevor eine Verbindung zustandekommt, muß Siegfried seinen Freund Gunther bei der Brautfahrt nach Isenland begleiten, um die Kriegerkönigin Brunhilde zu erobern. Mittels einer Reihe von Täuschungen gelingt das Unternehmen und Gunther führt Brunhild als Braut heim nach Worms, doch muß er diese Heirat bald bereuen; er verbringt die Hochzeitsnacht gefesselt an einem Haken an der Wand, weil es ihm nicht gelang, die Zauberkraft seiner Braut zu brechen. Erst Siegfried bezwingt Brunhilde. Griemhild, anfangs in schwesterlicher Vertrautheit mit Brunhild vereint, gerät mit dieser über die Frage in Streit, wessen Mann der edlere sei: der Held Siegfried oder Gunther der König. Der Streit endet in einem harten Wortwechsel, in dessen Verlauf Brunhilds Anhänger um Hagen von Tronje beschließen, Siegfried zu töten. Der heimtückische Mord findet im Odenwald statt. Hagen, der von Siegfrieds einziger verwundbarer Stelle erfahren hat, tötet den Held mit dessen eigener Lanze. Griemhilds Leben ist zerstört; sie schwört bitterste Rache, doch erst das Heiratsangebot des Hunnenkönigs Etzel verschafft ihr die notwendige Macht, ihre Vergeltungspläne in die Tat umzusetzen. Griemhild zieht mit großem Gefolge ins Land der Hunnen und wird dort zu einer mächtigen Monarchin. Nach langen Jahren lädt sie ihre Brüder und Hagen, dem Sie den Mord an Siegfried niemals verziehen hat, ins Land der Hunnen zu einem Hofgelage ein. Doch durch Hagen gewarnt, ziehen die Burgunder in Waffen die Donau hinab bis sie die Etzelburg erreichen. Es beginnt ein Fest, das sich jedoch bald in ein Blutbad verwandelt, als Hagen, Griemhilds Erzfeind, ihren und Etzels Sohn, noch ein Kind, tötet. Im Laufe der Kämpfe gehen die Helden beider Seiten zugrunde; auch Griemhild wird erschlagen. Allein Dietrich von Bern und Etzel überleben die sinnlose Schlacht. Am Ende steht der ratlose Erzähler trauernd vor der Bilanz unsagbaren Elends.

Erster Teil

Der erste Teil stellt den Helden Siegfried vor, der mit dem unsichtbar machenden Tarnmantel, seine fast gänzliche Unverwundbarkeit und seinem legendären Nibelungenschatz des Zwergenkönig Etzels, dem sogenannten Hort, die Hauptrolle einnimmt. Er ist nur zwischen den Schulterblättern verwundbar, weil beim Bad im Drachenblut auf diese Stelle ein Eichenblatt gefallen ist. Doch als er, um Kriemhild zur Gattin zu gewinnen, deren Bruder und Burgundenkönig Gunther bei dessen Werben um Brunhild wie auch in dessen Hochzeitsnacht mit einem Rollentausch behilflich ist, legt er den Grundstein seines Unterganges.

Neid und Eifersucht der Frauen führen zu seiner Ermordung durch Hagen von Tronje. Kernstück ist der Streit zwischen Kriemhild und Brunhild in Worms, als Brunhild offenbart, dass Siegfried als Vasall Gunthers vorgestellt worden ist, Siegfried und sein Königreich demnach Gunther tributpflichtig und untertan seien. (Etwas psychologischer artikuliert: Die Frau Brunhild ahnt den unglaublichen Betrug an ihr als Frau, kann ihr Misstrauen aber nur durch äußerliche Lehensabhängigkeiten begründen.)

Kriemhild kontert, dass nicht Gunther, sondern Siegfried Brunhild in der Hochzeitsnacht zur Frau gemacht habe. Die Beweise - Brunhilds Ring und Gürtel - seien in Siegfrieds Besitz.

Den darauf folgenden Mordkomplott gegen Siegfried vollzieht Hagen von Tronje: Er läßt Siegfrieds verwundbare Stelle von Kriemhild auf der Kleidung markieren; als List gebraucht er ihr gegenüber den Vorwand, gerade diese Stelle besonders beschützen zu wollen.

Der Schatz der Nibelungen wird im Lauf der Geschichte bei Loche im Rhein versenkt. (Hierzu gibt es mittlerweile zahlreiche Theorien und Interpretationen die noch mehr Schatzsucher inspiriert und animiert haben.)

Zweiter Teil

Im zweiten Teil sinnt die jetzt mit dem Hunnenkönig Etzel verheiratete Kriemhild auf Rache.

Eine Einladung der Burgunden um Hagen zu Etzels Hof bietet ihr die Gelegenheit, eine "Schlacht" auszulösen, in deren Verlauf beide Seiten große Verluste hinnehmen müssen. Sie enthauptet Hagen eigenhändig, um dann selbst von Hildebrands Hand umzukommen.

Wichtige Personen des Nibelungenliedes (alphabethisch)

Verwandte Sagen

Verwandte Sagen schlagen sich in den folgenden Dichtungen nieder: Hildebrandslied, Atlilied, Edda, Dietrichsage (Thidrekssaga), Siegfriedlied (Lied vom Hürnen Seyfried), Kudrunlied/Gudrunlied, Wälsungenlied, Sigurdlied

Überlieferung

Es existieren derzeit 32 deutsche Texte, 1 in niederländischer Sprache und 2 Texte die nur die "Klage" enthalten. Die Schrifen wurden vorwiegend in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz aufgefunden. Die drei Haupt-Texte sind von Karl Lachmann mit Buchstaben so kategorisiert worden:

Diesen drei Schriften wird eine nicht mehr erhaltene Urschrift als Quelle unterstellt. Neben drei Hauptüberlieferungssträngen (A, B und C) muss man auch von einer breiten mündlichen Tradition ausgehen.

Forschungs- und Rezeptionsgeschichte

Das Nibelungenlied würde im 18. Jahrhundert von Bodmer und Breitinger wieder in den Blickpunkt der literarischen Öffentlichkeit gerückt.

Im 19. Jahrhundert erlangte es den Rang eines deutschen Nationalepos; es existieren viele z.T. illustrierte Ausgaben (z.B. von Alfred Rethel, 1840, und Julius Schnorr von Carolsfeld, 1843) und mehrere Bearbeitungen für das Theater (Wagner, Der Ring des Nibelungen, 1840-1876, nur sehr frei an das Epos anknüpfend; Hebbel, Die Nibelungen, 1860/61). Selbst in Tolkiens Werken (Herr der Ringe) lassen sich ettliche Elemente der Nibelungensaga wiederfinden.

2003/2004 ist es Gegenstand einer Ausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe.

Heinrich Heine schrieb über den Ton des Nibelungenlieds: "Es ist eine Sprache von Stein, und die Verse sind gleichsam gereimte Quadern. Hie und da, aus den Spalten, quellen rote Blumen hervor wie Blutstropfen oder zieht sich der lange Epheu herunter wie grüne Tränen."

Viele berühmte Szenen des Epos, wie der Drachenkampf Jung-Siegfrieds etwa, tauchen im Lied selber nur in Form von Erwähnungen auf; die ganze Vorgeschichte wird als bekannt vorausgesetzt. Das Lied ist stilistisch von den Ansprüchen des mündlichen Vortrags geprägt, denn Alltagssprache und Hochsprache mischen sich ebenso, wie bereits damals schon historisches Vokabular und zeitgenössische Begriffe des frühen dreizehnten Jahrhunderts. Kunstvollen literarischen Ton und komplizierte Konstruktionen sucht man vergebens. Viel eher finden wir lange Aufzählungen, wiederkehrende Formulierungen und einfache, fast distanzierte Schilderungen durch den Erzähler, der sich selbst nur an wenigen Stellen des Werks erwähnt.

Am 22. Februar 1784 schrieb Friedrich II. von Preußen, der Alte Fritz, an den ersten Herausgeber des Epos, Christian Heinrich Müller, der das Werk dem König gewidmet hatte, folgendes:

Hochgelahrter, lieber Getreuer! Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht, Euer sonst gnädiger König Frch.

Literatur

Siehe auch: Literatur zum Nibelungenlied

Weblinks





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