Osmanisches Reich

Osmanisches Reich ist die Bezeichnung für das Reich der Dynastie der Osmanen vom 14. Jahrhundert bis 1923. Es war für mehrere Jahrhunderte die entscheidende Macht in Kleinasien und auf der Balkan-Halbinsel, zeitweise auch in Nordafrika, Persien und auf der Krim. Im Laufe des 18 und vor allem 19. Jahrhunderts wurde es in der Auseinandersetzung mit den europäischen Mächten auf Kleinasien zurückgedrängt und fand in der Türkei seinen Nachfolgestaat.

Geschichte

Die Überlieferungen über die Anfangszeit der Osmanen sind nur begrenzt, wohl weil es sich um ein kleines unter vielen Fürstentümer handelte, die es nach der Zerschlagung des Seldschuken-Reiches in Kleinasien gab. Der Namensgeber Osman I war zu Anfang des 14. Jahrhunderts der Herrscher über einen nomadischen Stamm bei Söğüt im nordwestlichen Anatolien, der von türkmenischer Herkunft und islamischen Glaubens war. Osman starb 1326 und hinterließ seinen Sohn Orhan ein Fürstentum, das fast halb so groß wie die Schweiz war. Er eroberte die byzantinische Stadt Brusa, die bis zur Eroberung Konstantinopels die Grablege der Oberhäupter der Osmanen blieb.

Das Byzantinische Reich befand sich zu dieser Zeit im Niedergang, so dass die Ausdehnung auf die europäische Seite des Marmarameers nicht schwerfiel, angefangen mit Gallipoli 1354. Auch in Kleinasien gab es im gleichen Jahr mit Ankara Zugewinne. Nach Orhans Tod 1360 hatte das Reich mehr als die dreifache Größe als bei Osmans Tod. Im folgenden Jahr gelang die Einnahme Adrianopels (Edirne), der zweitgrößten byzantinischen Stadt, es folgte der Übergriff auf Mazedonien (1371). 1389 gelang Murad I in der Schlacht auf dem Amselfeld ein Sieg gegen die verbündeten Armeen der Serben, Bosnier, Bulgaren und Albaner, der das Ende der Unabhängigkeit des Großserbischen Reiches bedeutete.

Wenn auch in gleichzeitig in Kleinasien sowohl durch Krieg als auch durch Heirat Zugewinne stattfanden, war inzwischen der europäische Teil des Reiches der wichtigere geworden. So wurde ab 1385 die militärische Führung einem "Beylerbey von Rumelien" (Rumelien bezeichnete den europäischen Teil) und einem "Beylerbey von Anatolien" überantwortet, wobei ersterer den Oberbefehl hatte. Viele der charakteristischen Merkmale des Osmanischen Reiches hatten sich zu dieser Zeit schon herausgebildet. Aus den eroberten Gebieten wurden den Kriegern Pfründen – Timar genannt – gegeben; im Gegenzug mussten sie als Spahis in der Kavallerie des Heer dienen. Dieses System unterschied sich signifikant vom europäischen Lehnswesen des Mittelalters, insbesondere gab es keine Leibeigenschaft. Als stehendes Heer wurde die wichtige Infanterie von den Janitscharen gestellt, die vor allem aus der Knabenlese auf dem Balkan gewonnen wurden und eine hervorragende Ausbildung genossen. Dem Sultan Murad I., der auf dem Amselfeld durch einen Attentäter getötet worden war, folgte Bayezid I nach, der sich bald daran machte, Konstantinopel zu erobern, was allerdings zu dieser Zeit noch nicht gelang; Byzanz wurde aber zu Tributzahlungen verpflichtet. 1396 mussten sich die Osmanen einem Kreuzfahrerheer unter Kaiser Sigismund stellen, das in der Schlacht von Nikopolis vernichtend geschlagen wurde.

Eine erste Existenzkrise musste das Osmanische Reich durchstehen, nachdem sein Heer in der Schlacht gegen Timur Lenk 1403 vernichtend geschlagen wurde, bei der Bayezid in Gefangenschaft geriet. Der "Tatare" hatte innerhalb kurzer Zeit ein riesiges Reich von Nordindien über Georgien und Persien bis Anatolien erobert, das aber nach seinem Tod 1405 schnell zerfiel. Die Verwaltung der Gebiete des Osmanischen Reichs hatte er an die Söhne Bayezids, Süleyman (Rumelien), Mehmed (Zentralanatolien mit Amasya) und Isa (anatolischer Teil um Bursa) gegeben. Diese kämpften im folgenden um die Vorherrschaft sowohl um die an Timur verlorengegangen Gebiete als auch gegeneinander um die Vorherrschaft. In den Kämpfen zwischen den Brüdern wurde Süleyman von einem weiteren Bruder, Musa, 1410 geschlagen, dem wiederum Mehmed 1413 mit Unterstützung Byzanz' eine Niederlage beibrachte. Mehmed stellte sich als Sultan des wiedervereinigten Reichs in den folgenden Jahren der Herausforderung, das Land zu konsolidieren und gleichzeitig die alte Größe wiederherzustellen.

Auch die Thronbesteigung Murads II lief nicht reibungslos ab. Kurz vor Mehmeds Tod machte ein Mustafa als angeblicher Sohn Bayezids Ansprüche geltend. Wahrscheinlich war er ein echter Sohn, er wurde aber von Mehmed als "falscher Mustafa" diffamiert. Sowohl er als auch ein Bruder Murads (der auch als "kleiner Mustafa" bezeichnet wird), der von Byzanz als Thronprätendent aufgebaut wurde, wurden hingerichtet. Bei dieser Gelegenheit musste wiederum ein Belagerungsversuch Konstantinopels abgebrochen werden.

In Südosteuropa war Ungarn zum Hauptgegner geworden. 1440 konnten es die Einnahme der wichtigen Festung in Belgrad abwenden. Vor allem Johann Hunyadi gelangen immer wieder militärische Erfolge, obwohl seine und die Versuche des Papstes, ein Kreuzfahrerheer zur Vertreibung der Türken aus Europa zusammenzurufen, in West- und Mitteleuropa kaum Gehör fand. Drei Jahre später konnte er sogar nach Bulgarien vordringen. Auch die Albaner unter Skanderbeg führten einen Unabhängigkeitskampf. Aufgrund der Situation schloß Murad 1444 in Szegedin einen zehnjährigen Friedensvertrag ab, der jedoch sogleich von Ungarn gebrochen wurde, um einen vom Papst initiierten Feldzug durchzuführen. Murad hatte gerade die Macht an seinen Sohn Mehmed abgegeben und sich zurückgezogen, trat nun aber wieder an die Spitze des Heers, das die Kreuzfahrer in der Schlacht von Varna vernichtend schlug. Abermals musste er 1446 die Macht für den unerfahrenen Nachfolger übernehmen, um einen Janitscharenaufstand niederzuschlagen, und fügte 1448 den Ungarn unter Hunyadi im Kosovo (nach 1389 die zweite Schlacht auf dem Amselfeld) eine schwere Niederlage zu.

Mehmed bestieg 1451 endgültig den Thron und bereitete sofort die Einnahme von Konstantinopel, dem "goldenen Apfel", vor. Dieses Ereignis ist oft als Zäsur in der Geschichte verstanden worden, als Ende des Byzantinischen Reichs und Ende des Mittelalters. Tatsächlich hatte Byzanz jedoch zu dieser Zeit kaum noch Macht und beschränkte sich auf kaum mehr Gebiet als die (wenn auch wichtige) Stadt Konstantinopel. Byzanz war Mehmed aber auch ein Dorn im Auge, weil es mit Orhan einen osmanischen Thronprätendenten aufstellte. Im Fall des "falschen" Mustafa hatte ein ähnliches Verhalten zum Bürgerkrieg geführt. Konstantinopel fiel nach 54tägiger Belagerung am 29. Mai 1453. Die Hagia Sophia wurde zur Moschee Ayasophya. Nach den für diese Zeit üblichen Plünderungen wurde die Stadt die neue Hauptstadt des osmanischen Reichs, und man versuchte, die alte Bevölkerung – wie Griechen und Juden – zum Dableiben zu bewegen und neue dort ansiedeln. Als letztes Überbleibsel byzantinischer Staatlichkeit wurde 1460 das Kaiserreich Trapezunt unterworfen.

Auf dem Balkan tat man sich schwerer. 1456 konnte Hunyadi die Eroberung Belgrads abwenden und sicherte die Unabhängigkeit Ungarns für die nächsten siebzig Jahre. Allerdings eroberte Mehmed bis 1459 den Peloponnes und den Rest Serbiens. 1470 kam Albanien, 1475 die Krim dazu.

1481 bestieg Bayezid II den Thron, unter dem sich der Expansionsdrang des Reichs abschwächte. Eine Rolle spielte dabei sein Bruder Cem, der vom Papst als Geisel gegen ihn eingesetzt wurde. Bayezid selbst wurde 1512 von seinem Sohn Selim abgesetzt und wohl vergiftet. Selim setzte vor allem im Osten die Eroberungsfeldzüge fort. 1514 gelang ein Sieg gegen die Safawiden in Persien, 1516 gegen Syrien. Schließlich wurde 1516/17 das Mameluken-Reich in Ägypten zerschlagen. Damit wurde das Osmanische Reich Hüter der heiligen Stätten des Islam und der in jeder Hinsicht wichtigste islamische Staat.

Es erreichte seinen Höhepunkt unter Suleiman dem Großen im 16. Jahrhundert, als es sich vom Persischen Golf im Osten bis nach Ungarn im Nordwesten ausdehnte und von Ägypten im Süden bis zum Kaukasus im Norden.

Niedergang

1683 unternahm das Osmanische Reich nochmal einen Versuch, Wien zu erobern (siehe Zweite Türkenbelagerung). Was aber schon in der Blütezeit des Reiches 150 Jahre vorher nicht gelang, wurde nun im Feldzug Kara Mustafas zum Desaster und zum Wendepunkt der Auseinandersetzung mit den europäischen Staaten. Nachdem in dieser Niederlage die militärischen Schwächen der Osmanen offenbar geworden waren, begann im folgenden Jahr eine vom Papst initiierte Heilige Allianz aus Habsburg, Venedig und Polen einen Angriff auf das Osmanische Reich an mehreren Fronten. In mehreren schweren Niederlagen bei Slankamen (1691, Mohács (1687) und Senta (1697) mussten im Frieden von Karlowitz der Verlust von Ungarn, Dalmatien, Podolien und der Peloponnes festgeschrieben werden. Als neuer Gegner an der Nordgrenze kam Russland ins Spiel. Ein wichtiges Ziel von Peter I war ein Zugang zum Schwarzen Meer, den er 1695 mit Asow bekam.

Die äußeren Probleme zogen im Probleme im Inneren nach sich. 1687 war Mehmed IV wegen der militärischen Niederlagen abgesetzt worden. 1703 kam es zum blutigen "Vorfall von Edirne", in dem Aufständische den Scheichülislam Feyzullah Efendi ermordeten und Sultan Mustafa I absetzten. Obwohl das Osmanische Reich zunehmend in die Defensive geriet, war es noch immer militärisch sehr potent. 1711 schlug es das russische Heer vernichtend am Pruth und besetzte den Hafen Asow. Im nachhinein ist unklar, warum dieser Sieg nicht weitergehend ausgenutzt wurde. Nachdem der moldauische Woiwode Dimitri Cantemir nach Russland übergelaufen war, besetzten die Osmanen die Hospodaren-Ämter in Moldau und Walachei bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit Griechen aus dem Phanar-Viertel in Konstantinopel, die schon lange Zeit als Übersetzer in der Polik eine wichtige Rolle gespielt hatten. In den Donaufürstentümern wird diese Epochse als Phanarioten-Herrschaft bezeichnet. Auch gegen Venedig war man erfolgreich und erlangte 1715 den Peloponnes zurück.

1736 begann Russland in einem Bündnis mit Österreich einen Krieg gegen das Osmanische Reich. Nach Anfangserfolgen ging 1739 auch dieser Krieg zugunsten der Osmanen aus, und durch den Frieden von Belgrad erhielten sie Nordserbien und die kleine Walachei zurück. Hierbei hatte auch eine Rolle gespielt, dass die Türken ihre Artillerie mit französischen Beratern wie Ahmed Pascha, dem [[Bonneval|Comte de Bonneval]] modernisiert hatten. Im ganzen war in den teuren und verlustreichen Kriegen der vergangenen drei Jahrzehnten keine wesentlicher Änderung des Territoriums zu verzeichnen. Nach dem türkisch-russischen Krieg folgte eine Friedensperiode von nie dagewesener Dauer.

Russisch-türkische Kriege

In dem Krieg 1768 bis 1774 gegen Russland musste das Osmanische Reich endgültig arkennen, dass es seine Großmachtstellung verloren hatte. 1770 verlegte Russland eine Flotte aus der Ostsee ins Mittelmeer und vernichtete die vor Anker liegende osmanische Flotte. Im Frieden von Küçük Kaynarca mussten die Osmanen das Krim-Khanat in die Unabhängigkeit entlassen (es wurde aber schon nach wenigen Jahren eine russische Provinz); Teile des Nordkaukasus gingen an Russland, die Bukowina an Österreich.

Keine der beiden Seiten hatte die Absicht, es lange dabei zu belassen. Katharina II entwarf ihr sogenanntes "Griechisches Projekt", in dem das Byzantische Reich als russischer Vasall wiederauferstehen sollte und die übrigen Teile des Osmanischen Reichs zwischen Österreich, Venedig und Russland aufgeteilt werden sollten, an dem diese Alliierten jedoch wenig Interesse zeigten. 1783 annektierte Russland die Krim und begann mit deren wirtschaftlichen Aufbau. Vier Jahre später fand die berühmte Inspektionsreise mit Grigori Potjomkin statt, eine offenbare Machtdemonstration. Die Osmanen, die ohnehin darauf aus waren, ihre Verluste vom vorigen Krieg rückgängig zu machen, erklärten im gleichen Jahr nach verschiedenen Streitigkeiten den Krieg. Nach Anfangserfolgen der Schwarzmeerflotte mussten sie jedoch 1791 im Frieden von Jassy abermals Gebietsverluste hinnehmen, darunter Gebiete zwischen Dnjepr und Bug.

Reformen

Selim III zog aus den Niederlagen Lehre und führte umfassende Reformen in der Verwaltung und im Militär durch. Parallel zu den Janitscharen versuchte er mit Hilfe europäischer Berater eine neue Truppe, die nizam-i cedid, aufzubauen. Seine geplante allmähliche Überführung der Janitscharen in das neue Korps führte jedoch zu Aufständen, die 1807 in seiner Absetzung gipfelten. Es folgten dramatische Ereignisse. Sein Cousin Bayraktar Mustafa marschierte mit seinen Truppen in Konstantinopel ein und plante, Selim wieder als Sultan einzusetzen. Er kam jedoch zu spät, da Selim bereits erdrosselt worden war. Es blieb ihm also nur, den von den Janitscharen eingesetzten Mustafa III durch Mahmud II zu ersetzen, der einer Ermordung nur knapp entkommen war. Mahmud setzte Bayraktar Mustafa als Großwesir ein und folgte einem Reformkurs, wobei er vermied, mit den Janitscharen direkt in Konflikt zu kommen. Schon im nächsten Jahr kam es wieder zu Aufständen. Um zu verhindern, dass er wieder zugunsten Mustafas gestürzt würde, ließ Mahmud seinen Bruder ermorden. Der in Bedrängnis geratene Großwesir sprengte sich in einem Pulvermagazin in die Luft.

Nationalismus

In Ägypten riss der Statthalter Muhammad Ali Pascha allmählich die Macht an sich und ließ die einflussreichen Mamlukenemire systematisch liquidieren. Mit Hilfe von Reformen war Ägypten bald in vielerlei Hinsicht bald der Zentrale in Konstantinopel überlegen. Muhammad Ali begründete die Chediven-Dynastie, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts ein Ende fand.

Ein das ganze 19. Jahrhundert durchziehendes Problem war der Nationalismus der besetzten Staaten. Zunächst erhoben sich 1806 die Serben; bis 1830 erhielten sie eine weitgehende Autonomie. Auch die Phanariotenherrschaft in den Donaufürstentümern fand 1826 ein Ende.

In den 1820er Jahren gewann die von den Europäern unterstützte Unabhängigkeitsbewegung in Griechenland an Dynamik. Ein besonderes Problem in diesem Falle stellten die einflussreichen Griechen in der osmanischen Verwaltung dar, die teilweise mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisierten. Im Krieg von 1826 war Mahmud gezwungen, die Truppen des gehassten Muhammad Ali zu Hilfe zu rufen. 1830 wurde das Osmanische Reich gezwungen, Griechenland in die Unabhängigkeit zu entlassen.

An diesem Beispiel zeigte sich, wie das Osmanische Reich immer mehr zum Spielball der Mächte wurde. Die sogenannte "Orientalische Frage" wurde ein Dauerthema der Diplomatie. Russlands Interesse bestand in einem freien Zugang zum Mittelmeer über das Schwarze Meer und die Dardanellen. Auf dem Balkan brachte es sich als Schutzmacht der dortigen orthodoxen Christen ins Spiel. Österreich sowie England und Frankreich sahen die Gefahr des russischen Expansion und tendierten eher dazu, ein schwaches Osmanisches Reich aufrechtzuerhalten.

Im 17. Jahrhundert zerfiel es langsam und wurde schließlich vier Jahre nach der Niederlage des Reiches von den Verbündeten im Ersten Weltkrieg 1919 zerstört.

Siehe auch: Liste der Sultane des Osmanischen Reichs, Geschichte der Türkei, Türkenkriege, Byzantinisches Reich

Weblinks

zh-cn:鄂图曼帝国




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