Polyandrie

Die Polyandrie ist eine Form der Polygamie, bei der eine Frau mit mehr als einem Ehemann verheiratet ist.

Es ist schwierig, zwischen echter Polyandrie und der simplen Ausweitung sexueller Dienste auf andere Männer als den Ehemann zu unterscheiden (siehe Polykoitie). Viele Anthropologen und Ethnologen wenden den Begriff auf Gesellschaften an, in denen die Vaterschaft der Kinder einer Frau mehreren Männern gleichzeitig zugeschrieben wird.

In einigen Fällen (z.B. in China) hängt die Entstehung polyandrischer Ehen mit dem Phänomen des weiblichen Infantizides (Tötung weiblicher Säuglinge und Abtreibung weiblicher Föten) zusammen, durch das ein Männerüberschuss entstanden ist.

Table of contents
1 Vorkommen
2 Formen der Polyandrie

Vorkommen

Polyandrische Gesellschaften kommen heute noch in Teilen Indiens, im Himalaya (Tibet, Kaschmir, Sikkim), in Zaire, Nord-Nigeria, bei den Paviotso (Nordamerika), Marquesas, Kandyan-Singhalesen (Sri Lanka) und den Da-La (Indochina) vor.

Bei der Hindubevölkerung der westlichen Himalayaregion ist laut Beremann die praktizierte Polyandrie auf folgende Abläufe zurückzuführen: Es fehlt an Land, weshalb die Zahl der Nachkommen beschränkt werden muss. Deshalb gehen mehrere Männer (Brüder) eine Verbindung mit nur einer Frau ein. In polyandrischen Verbindungen ist - im Gegensatz zur Polygynie) die Reproduktionskapazität der Verbindung auf die Kapazität der Frau beschränkt und somit nach oben begrenzt. Somit besteht die soziale Funktion der Polyandrie darin, das Arbeitskraftpotenzial an die verfügbaren Landressourcen anzupassen.
In dieser Gegend existieren übrigens polyandrische Familien mit polygynen und monogamen Ehe- und Familienformen. Die Polyandrie ist also eine unter mehreren möglichen Strategien.

Formen der Polyandrie

Fraternale Polyandrie

Bei der fraternalen Polyandrie sind mehrere oder alle Brüder gemeinsam Ehemänner einer Frau. Die fraternale Polyandrie ist die häufigste heute noch existierende Form der Polyandrie.

Fraternale Polyandrie kommt in folgenden Gesellschaften vor: Todas (Südindien), Tibet, besonders Himalayaregion, Marquesas.

Der Tibet ist momentan das größte Gebiet, in dem Polyandrie verbreitet ist. Die Eheform hängt mit dem Vererbungsmuster für Landbesitz zusammen. Wenn sich mehrere Brüder das Land und dieselbe Frau teilen, muss das Eigentum nicht aufgeteilt werden. Eine direkte Folge ist tatsächlich die seit vielen Generationen herrschende Stabilität der Zahl und der Größe von Grundbesitz in Westtibet.

Korporative Polyandrie

Die korporative Polyandrie ist eine Sonderform der fraternalen Polyandrie, bei der die soziale Vaterschaft kollektiv allen Brüdern gleichzeitig zugeschrieben wird.

Gemäß H.T. Fischer handelt es sich hierbei jedoch nicht um eine echte polygame Gemeinschaft, sondern lediglich um eine plurale Paarungsgemeinschaft (Polykoitie).

Bei den Irava (Madras) funktioniert die korporative Polyandrie folgendermaßen:
Bei der Heirat geht der älteste Bruder zwar alleine zum Haus der Braut, um sie "einzufangen", er handelt jedoch als Vertreter für eine korporative Gruppe von Brüdern. Die ehelichen Rechte und Pflichten werden von der Gruppe gemeinsam und anstandslos geteilt. Es besteht also Gleichberechtigung zwischen den Gatten bezüglich des sexuellen Zugangs zur gemeinsamen Ehefrau; aber auch bezüglich der Erbrechte und Besitzansprüche der Kinder.

Nonkorporative Polyandrie

Die nonkorporative Polyandrie ist ebenfalls eine Sonderform der fraternalen Polyandrie. Hierbei übernimmt jeder einzelne Ehemann der Reihe nach die Vaterschaft der "kollektiv" gezeugten Kinder. Jedes Kind der Frau hat also einen einzigen, klar definierten sozialen Vater (der jedoch nicht zwangsläufig der Genitor sein muss).

Nonkorporative Polyandrie wird beispielsweise bei den Todas (Nilgiri Hills in Südindien) praktiziert. Jedes Kind hat einen sozial festgelegten Vater. Im siebten Monat der Schwangerschaft wird eine Zeremonie abgehalten, bei der einer der Ehemänner zum Vater des erwarteten Kindes bestimmt wird. Derselbe Mann wird auch bei den folgenden Kinder zum Vater, es sei denn, die Ehefrau durchlaufe diese Zeremonie mit einem anderen Ehemann (was meist nur dann geschieht, wenn sie ihn für ungeeignet hält).



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