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Der Mensch und viele Tiere besitzen zwei nebeneinander liegende Augen, mit denen gleichzeitig derselbe Punkt im Raum angeschaut werden kann. Durch den kleinen seitlichen Abstand, ist das Bild der beiden Augen aus einer leicht unterschiedlichen Perspektive gesehen, wodurch sich seitliche Verschiebungen zwischen verschiedenen Punkten im Raum ergeben. Diese Parallaxe wird vom Gehirn als räumliche Tiefeninformation interpretiert.
Um einen Punkt im Raum scharf sehen zu können, wird die Krümmung der Augenlinsen variiert (Akkomodation). Mit der Zeit lernt man, welche Entfernung mit welcher Stärke der Krümmung zusammenhängt, sodass auch umgekehrt aus der Änderung der Linsenkrümmung ein Rückschluss auf die räumliche Tiefe möglich ist.
Jeder kennt das Beispiel der Eisenbahnschienen, die sich scheinbar am Horizont zu einem Punkt vereinigen. Dieser Effekt zeigt sich bei allen Linien (d.h. geraden Kanten und Grenzen von Körpern), die räumlich parallel zueinander sind. Wir „wissen“, daß sie das sind und kommen nicht in Versuchung tatsächlich anzunehmen, daß sie sich am Horizont vereinigen – statt dessen lesen wir auch deren Abbild als das einer räumlichen Situation.
In der Renaissance erlebten die geometrischen Verfahren der Linearperspektive eine hohe Blüte und brachten eine Fülle an gemalten Trompe l’oeils hervor. Im Zeitalter des Barock wurde diese Gesetzmäßigkeit auch eingesetzt um beeindruckende architektonische Wirkungen auf kleinstem Raum zu erzeugen, wie dies meisterhaft Bernini am Vorplatz des Petersdoms in Rom vollzog und geradezu virtuos in dem kleinen Treppenhaus, das in die privateren Gemächer des Papstes führt, der berühmten Scala Regia rechterhand der Hauptfassade des Petersdoms.
Das Gesetz der Größenkonstanz besagt, daß wir unwillkürlich gleiche Formen auch als ungefähr gleich groß einschätzen. Erscheinen diese Formen nun in der Realität oder einem Abbild verschieden groß, so „lesen“ wir diese als verschieden weit weg und nicht als verschieden große Exemplare, die sich in gleicher Entfernung befinden. Das Gesetz der Größenkonstanz hängt eng mit der Linearperspektive zusammen – sind doch architektonische Elemente in der Regel von gleicher Größe und werden seriell wiederholt. Das Prinzip gilt aber auch für Lebewesen, handelt es sich dabei um Pflanzen oder Tiere: Eine freistehende ausgewachsene Eiche hat in der Regel einen anderen Habitus und einen charakteristische Größe als eine junge Eiche. Finden wir diesen Habitus an anderer Stelle verkleinert wieder, dann vermuten wir zu Recht, daß dieser Baum genauso groß ist wie der vorherige, sich jedoch in einer anderen Distanz zu uns befindet.
Aufgrund der Eigenart unseres Wahrnehmungsapparates fehlende Teilstücke von bekannten Formen unwillkürlich im Geiste zu ergänzen vermuten wir in dem Moment in dem eine Form eine andere verdeckt ein Hintereinander und kämen nicht auf die Idee, daß der nur teilweise sichtbaren Form etwas fehlt. Diesem Prinzip verdanken wir unter anderem die majestätische Wirkung von hintereinander liegenden Bergketten oder die enorme räumliche Wirkung von mehrschiffigen gotischen Kathedralen, den Säulen- und Bogenwäldern der Alhambra in Granada oder auch der kathedralenähnlichen Wirkung großer Buchenwälder.
Im Theater wird dieser Effekt zusammen mit dem Prinzip der Größenkonstanz genutzt, um im begrenzten Raum des Bühnenhauses weiträumige Saalfluchten zu simulieren. Je mehr Überschneidungen von Formen zu sehen sind und je mehr Schichtungen wir ablesen können, umso stärker wird unser Raumeindruck.
Parallaxe
Akkomodation
Linearperspektive
Größenkonstanz
Überschneidungen – Kulissenwirkung
Schattierung: Eigen- und Schlagschatten
Erst das Licht macht Körper und damit Räume sicht- und damit erlebbar. Anhand des Spiels des Lichts auf diesen Körpern lesen wir deren Volumen und Oberflächenbeschaffenheit ab, aber auch die vorherrschende Lichtrichtung und Lichtqualität. Dabei bevorzugen wir als „neutrale“ Beleuchtung ein paralleles Licht von oben, bevorzugt von rechts oben (jedenfalls in den westlichen Kulturen, die von rechts nach links schreiben und lesen). So können wir sehen, ob es sich um konvexe oder konkave Formen handelt, wie die Grenzen und Übergänge dazwischen beschaffen sind, usw. Dementsprechend steigert die schattierte Darstellung der Körper deren Lesbarkeit. Der Eigenschatten (die dunklere, weil lichtabgewandte Seite) eines Körpers gibt ihm dabei Volumen und Ausdehnung, während der Schlagschatten (d.h. der Schatten, den der Körper auf seine Umgebung wirft) seinen räumlichen Bezug zu anderen Flächen und Körpern definiert – dabei kommt auch das Prinzip der Überschneidung als Wirkung hinzu.