Stottern

Stottern ist eine erworbene, komplexe, hochgradig vernetzte Sprechstörung mit neurotischen Anteilen. Sie führt dazu, dass der Redefluss eines Betroffenen ab und an (je nach Form des Stotterns) blockiert wird (tonisches Stottern) oder immer nur Wortfragmente wiederholt werden (klonisches Stottern). Als Mischform ist das tonisch-klonische Stottern bekannt.

Table of contents
1 Phänomenologie
2 Verlauf des Phänomens
3 Ursachen-Forschung
4 Grundlegende therapeutische Ansätze
5 Berühmte Stotterer
6 Weblinks

Phänomenologie

Es gibt in den meisten Sprachen einen nahezu gleichbleibenden Anteil von ca. 1% stotternden Erwachsenen, davon ca. 80% Männer und 20% Frauen. Die ungleiche Verteilung ist nicht ganz geklärt, wahrscheinlich liegt sie an verschiedenen Entwicklungsverschiebungen bezogen auf die Festigung der Feinmotorik des Sprechaktes und die Überlagerung mit Störungen der Weiterentwicklung der kindlichen Persönlichkeit.

Interessant ist die Häufigkeit des "temporären" Stotterns bei Kindern: Hier unterscheidet sich die Literatur: Manche Studien sagen 50% aller Jungen stottern kurzfristig, andere tendieren zu 33% oder 20%. Bei Mädchen ist der Prozentsatz geringer, aber höher, als das 80-20-Verhältnis vermuten lässt, die Zahlen gehen von 10%-25% der Mädchen.

Es ist zwischen genuinem "Stottern", "Poltern" und "Stammeln" zu unterscheiden:

Verlauf des Phänomens

Grundsätzlich kann man sagen, dass Stottern relativ gut behandelbar ist. Es treten bei unterschiedlichsten Therapien immer wieder Erfolge auf, sehr häufig ist auch die "Selbstheilung", bei der Betroffene das Phänomen schrittweise bezwingen.
Gleichzeitig zeigt sich Stottern den schulwissenschaftlichen Heilungsansätzen als erstaunlich resistent und gilt weithin als schwer bis nicht therapierbar. Je nachdem, wie man "Heilung" definiert kann man mit gleichem Recht von unheilbar, aber auch von absolut heilbar sprechen.

Ursachen-Forschung

Grundsätzlich ist es sinnvoll, bei komplexen Verhaltensmustern zwischen "auslösenden Ursachen" und "aufrechterhaltenden Ursachen" zu unterscheiden: Ein bei Laien und Freunden häufig auftretendes Missverständnis ist, dass man doch nur die Ursachen entdecken, also die Auslöser "verarbeiten" müsste, dann würde doch das Stottern von alleine aufhören. Dieses Missverständnis verkennt die starke Vernetzung des Stotter-Komplexes mit der Persönlichkeit des Betroffenen.

Grundlegende therapeutische Ansätze

Wie definiert man Heilung? Im Vorgriff auf ein Konfliktfeld der Stottertherapie ist es nötig, den Heilungsbegriff zu klären:
Modifikations-Ansatz: Dieser verhaltenstherapeutische Ansatz basiert auf der Annahme, dass Stottern grundsätzlich nicht heilbar ist, da die neuronale Grundstruktur des Sprechens eines Erwachsenen mit ihren motorischen, psychogenen und teilweise neurotischen Einflüssen soweit ausgeprägt ist, dass grundlegende Änderungen unmöglich sind. Der Ansatz zielt von daher primär darauf ab, die stotternde Sprechweise anzunehmen, mit ihr leben und sie explizit modifizieren zu lernen. Die Vorgehensweise ist
verhaltenstherapeutisch angelegt und umfasst Aspekte wie Dieser Ansatz wurde in den 30er Jahren an der University of Iowa entwickelt. Hauptvertreter ist der US-Amerikaner Charles Van Riper (1905 bis 1994), der als einer der Begründer der Logopädie (speech-language pathology) den den USA gelten kann. Ein Großteil seiner Schriften befasst sich mit dem Thema Stottern.

Sprechtechnischer Ansatz: Demgegenüber steht ein -eher praxisorientierter- Ansatz, der den Fokus nicht auf die Arbeit an "alten" Sprechgewohnheiten, sondern im Hinblick auf Anleihen aus Gesangs-, Atem- und Stimmtechnik auf das Erlernen einer "neuen" und technisch besseren weil physiologisch richtigeren und damit zeilführenderen Sprechweise richtet. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Mehrheit der Stotterer beim Singen oder beim Sprechen im Chor keine Probleme hat, werden klangvolleres Sprechen, Tongebung, Atemtechnik und rhethorische Aspekte eingeübt. Die Begründer sind hier u.a. Oscar Hausdörfer, R. Muirden, E. Richter u.v.a.m.

Viele weitere Therapien und therapeutische Ansätze verabsolutieren sinnvolle Teilaspekte wie Atemtechnik, Stimmgebrauch und Klangerzeugung oder arbeiten mit Hilfsmitteln wie Hypnose. Allerdings ist die Fachwelt uneins über die Wirksamkeit der Ansätze, wiewohl in der medialen Öffentlichkeit immer wieder "geheilte" Klienten vorgeführt werden.

Darüberhinaus sind zwar einige Therapien mit exorbitanten Kosten verbunden und versprechen vollständige Heilung, schieben die Verantwortung für den Erfolg der Therapie allerdings vollständig dem Klienten zu. Da es allerdings eine Binsenweisheit bei komplexen Verhaltensstörungen ist, dass der Klient in vielerlei Hinsicht sein eigener Arzt ist, hilft dies selten im Alltag und bei den - für Stotterer absolut normalen - Rückfällen.

Berühmte Stotterer

Für den Laien ist u.U. interessant, dass - bei 1% Anteil der Bevölkerung und gleichzeitig einer Normalverteilung auf alle Bevölkerungsgruppen - es viele berühmte Persönlichkeiten gab und gibt, die stottern. Die folgende Liste ist daher unvollständig:
Winston Churchill, King George VI (Vater von Queen Elizabeth), Isaac Newton, Marilyn Monroe, Bruce Willis (mittlerweile "geheilt"), Demosthenes, vermutlich Paulus von Tharsus, James Earl Jones (Stimme von "Darth Vader").

Weblinks